Homeschooling versus Homeoffice – Anspruch und Realität

Eigentlich möchte ich gerade einen Text für das INES-Projekt schreiben. Über Homeoffice in Zeiten von Corona und wie das geht, wenn ein oder mehrere Kinder dabei sind. Leider geht es schlecht voran, ich sitze seit einer Stunde an den ersten zwei Zeilen, denn ich bin im Homeoffice. Und mein siebenjähriger Sohn sitzt neben mir und rechnet mit Hilfe von Kürbiskernen, wieviel 45 geteilt durch 9 ist. Oder 56 geteilt durch 8. Erleichtert bin ich, wenn es nur 14 durch 7 oder 25 durch 5 ist, das kann er nämlich im Kopf, ohne laut mit den Kürbiskernen zu hantieren.

Während ich mit wachsendem Kopfschmerz seinen Rechenkünsten zuhöre, frage ich mich, was für eine Mutter ich eigentlich bin. Ich habe natürlich keine schicken Rechenplättchen, große Perlen (mindestens 80) oder zumindest getrocknete Bohnenkerne im Haus. Sondern nur diese ollen Kürbiskerne, die außerdem andauernd durchbrechen und meinen Schreibtisch vollkrümeln.

Ok, zurück zum Text, ja, die ersten beiden Zeilen starren mich an. Mein Sohn murmelt, die Kürbiskerne klappern, die Heizung brummt. In meinem Kopf das absolute Vakuum. Ich versuche mich zu motivieren – eigentlich bin ich doch prädestiniert dafür, so einen Text zu schreiben und ein paar schicke Tipps zu geben. Ich bin seit mehr als zehn Jahren selbstständig, bin es gewohnt, meine Tage einzuteilen, unter Stress und Druck zu arbeiten, im Zug, im Bett, in Hotelzimmern, Tagungszentren, auf der Terrasse, um drei Uhr morgens.

Mein Sohn bemerkt, dass die Erde wirklich seltsam aussieht, so von oben, und ob ich zufällig weiß, wieviel 64 geteilt durch 8 ist. Dazu pfeift er fröhlich vor sich hin und meint zufrieden, dass 36 durch 6 mit fast 100prozentiger Gewissheit 6 ist, vielleicht aber auch 5. Man weiß es nicht.

Auf Spiegel-Online habe ich einen schönen Text von einer Karrierecoachin gefunden: „Wie ziehe ich im Homeoffice die Grenze zwischen Job und Privatleben?“ Darin steht: „Machen Sie genügend Pausen. Achten Sie dabei darauf, dass Sie diese nicht nur für Haushalt und Kinderbetreuung nutzen.“ Kinderbetreuung in den Pausen? Schön wäre es, ich betreue diese kleine siebenjährige Kröte an meinem Schreibtisch nicht in irgendeiner Pause, ich mache das, während ich arbeite. Auch der Satz „So verführerisch es erscheint, im Bett sollten Sie Ihren Firmenlaptop auf keinen Fall benutzen.“ irritiert mich – das habe ich schon immer gemacht, warum soll ich das jetzt plötzlich lassen? Vielleicht wäre ein anderer Text von einem anderen Coach besser.

Aber auch da lese ich Dinge, die mir gerade wenig helfen – ich soll einen Tagesplan machen. Und dann? Dann ist mein Kind immer noch da und kommt lustig schreiend in die Telefonkonferenz gerannt. Da steht, dass ich schön flexibel sein soll, denn zwischen Spülmaschineausräumen, Nervenzusammenbruch und Basteln von Häschenketten (fragen Sie nicht!) bleiben bestimmt noch fünf Minuten für den Job. Interessant ist auch der Tipp, dass ich im Zweifelsfall mein Kind vor die Glotze setzen soll. Ja, hilft aber nicht, wenn das Kind rechnen soll (mittlerweile sind wir bei kniffeligen 81 durch 9) und überhaupt, was ist das denn für ein pädagogischer Ansatz? Gemeinsames Basteln zur Entspannung – geht es noch?! Ich hasse Basteln, habe ich noch nie gekonnt, bei mir klebt immer alles an mir und nichts da, wo es kleben soll. Entspannen ist bei mir anders, beinhaltet eine Hängematte, mehrere Cocktails und nichts und niemanden sonst.

Und überhaupt, irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich alle Tipps nur an die Mütter richten und dahinter ein fragwürdiges Frauenbild steckt. Denn so ganz nebenbei fließen Anleitungen für das Nähen von Gesichtsmasken, ein paar „schnelle Rezepte“, mit denen ich dann meine Lieben noch bekochen darf oder ein schönes Work-Out-Yogaset, von dem ich noch 14 Tage später Muskelkater habe, ein. Das darf ich alles natürlich noch leisten, wenn ich endlich, endlich einmal zwei, drei Stunden meinen eigentlichen Job machen konnte. Ja Prost Mahlzeit.

Realistischer finde ich da schon den Ansatz aus dem Tagesspiegel: „Denn Homeoffice ist nicht, was uns manche Hochglanzbilder seit Jahren vorgaukeln: Strahlende Mütter und Väter, die Laptop und Kleinkind auf ihren Knien jonglieren. In der Realität geht nur das eine oder das andere. Wenn die Kinder betreut, beschäftigt oder eingeschlafen sind, nur dann ist konzentriertes Arbeiten im Homeoffice möglich.“ So sieht es aus, wenn Sohnemann lustig im Sandkasten buddelt, ein Hörspiel hört oder aber konzentriert das 27.000. Bild von einem Bagger im Weltraum malt, dann kann ich arbeiten. Egal wo und wann, aber ohne Störung. Das weiß ich aber auch ohne Coach. Und es löst nicht die mathematischen Probleme an meinem Schreibtisch.

Nach mehrstündigem Anstarren des Bildschirms und diverser Websites fühle ich mich bestätigt in dem Satz „Ratschläge sind auch Schläge“. Und endlich – endlich! – fällt mir der berühmte Satz aus meiner eigenen Yogalehrerausbildung von Krishnamurti wieder ein: „Es gibt keine Methode, es gibt nur Achtsamkeit“. Das ist dann tatsächlich mein persönliches Fazit zum Thema. Ich kann niemandem andere Ratschläge und Tipps geben, außer dem einen: Achtsam sein. Achtsam sein heißt aus meiner Sicht, gucken, was an dem Tag funktioniert (und am nächsten vielleicht nicht), bei sich bleiben, sich was gönnen, auch die Auszeit, es mit Humor tragen, in den Garten gehen und schreien, wenn das hilft, dem Chef oder der Chefin (sowie der eigenen Familie) klar kommunizieren, was geht und was nicht im Homeoffice und (nach stundenlanger Lektüre aus meiner Sicht das wichtigste) auf keine Ratgeber*innen im Internet hören!

(Elisabeth)